Schulung von Sitz und Bewegungsgefühl



"Dein Pferd ist der beste Lehrmeister.
Es verschließt sich dir,
wenn du auf andere Lehren hörst als die seinen.
Lerne vom Pferd."

Rudolf G. Binding





Was ist ein guter Sitz?


"Die äußere Form des Sitzes ergibt sich nicht aus einer formalen Vorgabe, sondern aus der Gleichgewichtssituation und den individuellen körperlichen Voraussetzungen des Reiters."
(aus "Lehren und Lernen im Pferdesport" S. 76)

Als grober Anhalt gilt, dass Ohr, Schulter, Hüfte und Absatz eine senkrechte Linie bilden. Der Reiter sollte gemäß der Ausbildungsskala des Reiters ausbalanciert und losgelassen sitzen.
Nur so kann er harmonisch in die Pferdebewegung eingehen und die zeitgenau richtigen Hilfen geben.


Würde das Pferd unter dem Reiter entfernt, müsste dieser trotzdem im Gleichgewicht stehen bleiben.


Treibt der Reiter korrekt mit der hinteren Oberschenkelmuskulatur und den Außendrehern der Hüfte, gelangt automatisch die flache Wade (mit dem Schollenwadenmuskel) ans Pferd. Das Knie wird leicht gebeugt und der Absatz geht inaktiv in die Tiefe.
Der Reitersitz hat nichts mit dem Sitzen auf einem Stuhl zu tun, sondern wir stehen mit leicht geöffneten und in den Knien gebeugten Beinen auf dem Pferd (Steh - und Spreizsitz). Dies zu erkennen und die Tatsache, dass so ein Körper einen Turm aus verschiedenen Bausteinen darstellt, die es auszubalancieren gilt, ist der erste Schritt zu einem harmonischen Reitersitz.






Ein Hauptanliegen meines Unterrichts ist ein entspannter Sitz und das Vermitteln eines tieferen Gefühls für die eigenen Bewegungen und die des Pferdes. Jeder wird dies anders wahrnehmen, da Gefühl und Wahrnehmung emotional und körperlich sehr individuelle Vorgänge sind.
Ist der Reiter entspannt laufen auch die Pferde losgelassener. Dies zeigt sich durch zufriedenes Kauen, Fallenlassen des Halses, einem locker getragenen Schweif, Abschnauben, besserer Schenkelakzeptanz und nicht zuletzt durch ein zufriedenes Pferdegesicht.
Wichtig ist es hierbei sich intensiv mit dem eigenen Körper auseinander zu setzen und ein besseres Gefühl für den Dialog der eigenen Bewegungen zu bekommen.
Der Sitz des Reiters ist niemals statisch sondern immer dynamisch - dies umfasst Losgelassenheit sowie Stabilität und auch Mobilität als Bausteine für Gleichgewicht und Koordination.
Ein gemeinsamer Rhythmus von Pferd und Reiter beim An- und Abspannen der Muskulatur ist ein Balanceakt, der uns aber unserem Ziel des harmonischen Sitzes ein ganzes Stück näher bringt!
Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg ist mit Sicherheit die Integration spezieller, individuell abgestimmter Gymnastikübungen in den reiterlichen Alltag.
So ist es extrem wichtig nicht nur das Pferd langsam warm zu reiten, sondern auch der Reiter sollte sich durch Aufwärmübungen vor dem Aufsteigen bereits gelockert und aufgewärmt haben.
Die Sitzschulung findet je nach individuellen Blockaden, Problemen, Schwachstellen u.ä. auf dem Pferd und auf dem Boden statt.






Eine Blockade des Kreuz-Darmbeingelenkes lässt sich zum Beispiel viel besser durch Mobilisierungsübungen am Boden lösen, als auf dem Pferderücken.




Lernen ist wie Rudern gegen den Strom: Wer aufhört treibt zurück.

Chinesisches Sprichwort




Auch das innere und äußere Loslassen ist ein wichtiger Baustein zu einem dynamischen Sitz.
Nur wenn ich positiv denke und Vertrauen zu mir und meinem Pferd habe, kann ich mich auf unser gemeinsames Gleichgewicht konzentrieren. Ich kann nur dann Teil der Bewegung werden, die ich später auslösen will, wenn ich meine Bewegungen dem Bewegungsrhythmus des Pferdes anvertraue.

Die große Masse Pferd bewegt die kleine Masse Mensch
- es ist essentiell sich den Pferdebewegungen so leicht wie möglich anzupassen und das Pferd nicht zu stören,um dann im richtigen Moment die richtigen Hilfen zu geben und es somit auf leichteste Weise dorthin zu bringen, wo ich es haben möchte.
Sich bewegen lassen um den Rhythmus des Pferdes zu seinem eigenen werden zu lassen - wenn beide Rhythmen eine Einheit bilden entsteht Harmonie - und erst aus dieser Harmonie heraus lässt sich nun die große Masse von der kleinen adäquat beeinflussen.

Ein entspannter Sitz entsteht nicht durch Anweisungen zur Körperhaltung („Sitz gerade! Hacken nach unten!"), sondern durch mentale und physische Losgelassenheit und Balance.
Die Bausteine des Skeletts müssen ausbalanciert ein stabiles Ganzes ergeben, damit die jeweiligen Muskeln frei sind für die entsprechende Bewegung!!!!!

.........und ist ein versammeltes Pferd mit einem harmonisch in der Bewegung sitzenden, gefühlvollen Reiter, der in der Lage ist seine Körperteile im Gleichgewicht zu koordinieren, um dann das Pferd mit feinsten Hilfen zu lenken nicht das Traumbild eines jeden von uns!?!




Unverzichtbar für einen guten Sitz ist Bewegungsgefühl!




Ein Reiter ist gefühlvoll, wenn er die Bewegungen, den Rhythmus und die Balance seines eigenen sowie des Pferdekörpers empfindet. Dies ist die Voraussetzung um die Hilfengebung im Sattel korrekt und zeitgenau auszuführen. Daher ist es wichtig unser Bewegungsgefühl und Körperbewusstsein zu trainieren um einen geschmeidigen Sitz zu erreichen, der es uns ermöglicht unsere Hilfen wohl dosiert, einfühlsam und effektiv einzusetzen.
Wenn der Reiter in sein Pferd hineinhorcht und mit entsprechenden Bewegungen antwortet entsteht Harmonie. Dies ist ein sehr individueller Vorgang, denn jeder Reiter und jedes Pferd bewegen sich anders.









Zur Verbesserung des Sitzes eignen sich Gleichgewichts-, Lockerungs- und Kontrastübungen: Monotone Bewegungen führen zu Lernbarrieren, daher sollten sie immer wieder variiert werden. Hierzu bieten sich so genannte Kontrastübungen an, durch die dem Gehirn eine Vielzahl von Möglichkeiten angeboten werden und der Reiter völlig in sich hineinfühlen kann.
Hier einige Beispiele:

Armkreisen: Langsames Kreisen mit den Armen (im Wechsel). Diese Übung lockert das Schultergelenk und fördert die Losgelassenheit, wodurch eine feinere Zügelführung möglich ist. Sind Schultern und Arme locker, kann auch das Becken freier schwingen.

Beinkreisen: Langsame, kreisende Bewegungen mit rechtem und linkem Bein aus den Hüftgelenken heraus. Hierdurch wird das Hüftgelenk freier und die Losgelassenheit gefördert. Dies hat ein flexibleres Becken und ein längeres Bein zur Folge. Die Muskeln von Hüfte bis Absatz sind freier und lockerer. Dies ermöglicht einen federnden Absatz.

Ein – Arm – Übung: Einen Arm hochheben: der Ellbogen weist nach vorne, die Finger zum Himmel und der Daumen Richtung Pferdeschweif – dabei in der jeweiligen Gangart weiter reiten Der Körper des Reiters wird aufnahmebereiter für die Bewegungen des Pferdes – diese werden klarer wahrgenommen und die Fähigkeit tiefer in seinen Schwerpunkt zu sinken wird verbessert. Das Bein der jeweiligen Körperseite wird weicher und geschmeidiger, wodurch sich die Schultern des Pferdes lockern. Diese Übung kann prinzipiell in allen drei Grundgangarten durchgeführt werden.






Wechsel von der Affenstellung zum Aussitzen und zurück: Die Körperhaltung bei der Affenstellung entspricht der des leichten Sitzes. Der Reiter geht nur aus der Hüfte heraus ein Stück vor, wobei er im Oberkörper zwar nach vorne geht, die Wirbelsäule aber dennoch gerade bleibt. Das Gesäß geht in dem Maße zurück wie der Oberkörper sich nach vorne neigt, damit das Reitergewicht nicht auf die Vorhand des Pferdes fällt. Ein fester Knieschluss und ein federnder Absatz geben diesem dynamischen Sitz Stabilität. Der Schwerpunkt des Reiters soll über dem Schwerpunkt des Pferdes sein. Ein nach oben hinten gezogener Kopf (Blick leicht unter die Horizontale) erwirkt ein frei bewegliches Okzipitalgelenk. Diese Übung fördert Gleichgewicht und Balance und hat eine starke lockernde Wirkung. Alle Gelenke erreichen einen hohen Freiheitsgrad.

Leichttraben in einem geänderten Rhythmus: Aufstehen – Aufstehen – Sitzen oder Sitzen – Sitzen – Aufstehen Diese Übung fördert Gleichgewicht und Balance und fördert das Gefühl für den gemeinsamen Schwerpunkt von Pferd und Reiter.

Innere Bilder und das Bewußtsein unserer inneren Energie: Neuere wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass Methoden der Metaphorik schneller zum Ziel führen und einen langfristigeren Lernerfolg haben z. Bsp. „ Stell dir vor deine Zehen wühlen im warmen Sand" oder „halte die Zügel als hättest du einen kleinen Vogel in der Hand". Diese Bilder erreichen in erster Linie die rechte Gehirnhälfte, die u.a. für ganzheitliche Abläufe und Emotionen zuständig ist. Hierbei ist es wichtig durch die Kraft unserer Gedanken die jeweils benötigte Energie zu mobilisieren - z.Bsp. beim Angaloppieren einmal an Hopsergalopp wie auf dem Steckenpferd denken sowie an das nach Hause laufen vor einem Gewittersturm: Hierbei wird sehr schnell sehr viel Energie frei. Dieser Gedanke setzt genügend Energie frei um den Impuls zum Angaloppieren auszulösen.Dieser Grundsatzmechanismus funktioniert bei allen Aktionen rund um`s Pferd...nicht nur beim Reiten!!!

Brain-Gym-Übungen: Sie spielen eine sehr wichtige Rolle, da sie u.a. die Cross-Koordination verbessern und stressausgleichend wirken ( siehe auch Menuepunkt: Brain-Gym!).

Sitz- und Balanceübungen auf Balimo oder Theraball, Körpererfahrung mit Therabändern, Atemübungen, Reflektorische Aktivierung der Tiefenmuskulatur durch den Swing-stick... und, und, und……….

In meinem Unterricht orientiere ich mich oft an den Büchern von Eckart Meyners, da sie eine wahre Fundgrube an effektiven Übungen enthalten - aber auch viele andere Quellen wie Sally Swift, Moshe Feldenkrais, Peggy Cummings, Brigitte Lenz u.a. haben ihren Weg in meinen Unterricht gefunden und nicht zuletzt sind so allerlei effektive Übungen in der täglichen Praxis entstanden :-)

Ein paar Worte zum Schluss...




Durch unser Gewicht auf seinem Rücken wird das Pferd aus seiner persönlichen Balance gebracht.
Hierdurch wird es verunsichert, da diese für ein Fluchttier überlebenswichtig ist!
Meiner Meinung nach sind wir es daher unserem Pferd schuldig an unserem Sitz und unserem Körpergefühl zu arbeiten.
Wir können nämlich nicht vom Pferd verlangen ausbalanciert und geradegerichtet zu laufen, wenn wir uns selbst nicht im Gleichgewicht befinden!
Als Reiter muss ich meine Impulse so geben, dass das Pferd auch genügend Zeit hat diese bei der eigenen Bewegungsplanung umzusetzen. So entsteht eine Interaktion und das Pferd wird nicht zum Befehlsempfänger degradiert!!!!!
Möglich ist dies nur mit der Schulung des eigenen Körper- und Bewegungsbewußtseins. Wo und wann bewegt sich in meinem Körper was??
Ich muss lernen Bewegungen zu erspüren und mich mit den theoretischen Hintergründen auseinander setzen, dann bin ich auf dem richtigen Weg....und wie war das nochmal????
Ja, der Weg ist das Ziel!!!!!!!!


Und jeder kennt ja den bekannten mongolischen Spruch:
"Das Pferd ohne Reiter ist immer noch ein Pferd,
aber der Reiter ohne Pferd ist eben nur ein Mensch"!!!!



In diesem Sinne....





"Nicht weil es schwer ist,
fangen wir es nicht an,
sondern weil wir es nicht anfangen,
ist es schwer".


Seneca





Ausbildungsweg des Reiters

nach den FN Richtlinien für Reiten und Fahren
Band 1 "Grundausbildung für Reiter und Pferd"





und nach

"Eckart Meyners - Reiten als Dialog" S.80


"Die Skala der Ausbildung für den Reiter lautet:

1. Vertrauen und Angstfreiheit
2. Losgelassenheit (Lockerheit) des Reiters (emotional und körperlich)
3. Gleichgewicht und Rhythmus
4. Bewegungsgefühl
5. Einwirkung - Hilfengebung - Reittechnik"








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